Zuckerfabrik Offstein, 1934

Die Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft im Nationalsozialismus

Knapp sieben Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wird die "Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft" als Zusammenschluss aus fünf Zuckerfabrikgesellschaften gegründet - eine Fusion, die den Grundstein für das Unternehmen in seiner jetzigen Form legt. Heute ist Südzucker eine Unternehmensgruppe mit Standorten auf der ganzen Welt, die sich zu den Werten einer offenen, demokratischen Gesellschaft bekennt. 

Dieses Bekenntnis wurzelt unter anderem in der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit - auch mit einem dunklen Kapitel wie der Zeit zwischen 1933 und 1945. Denn auch die Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft hat vom unmenschlichen, ausbeuterischen Zwangsarbeitersystem im Nationalsozialismus profitiert, Juden aus den Gremien des Unternehmens verdrängt und sich unternehmerische Vorteile verschafft. 

Die Südzucker-Gruppe pflegt heute eine Unternehmenskultur, die Vielfalt lebt, Toleranz fördert und Chancengleichheit unterstützt. Als international agierendes Unternehmen mit Mitarbeitenden unterschiedlicher Nationalitäten ist es Südzucker ein Anliegen, die Vergangenheit anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft zu gestalten.


Die Süddeutsche Zucker-AG im Nationalsozialismus

Die 1926 gegründete Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft ist im Jahr 1933 das größte Zuckerunternehmen im Deutschen Reich. Von den Nationalsozialisten wird sie kritisch als kapitalistischer Großkonzern wahrgenommen, der Kleinbauern ausbeute und zudem unter "jüdischem Einfluss" stehe. Gleichzeitig spielen die Themen Ernährung und Landwirtschaft sowie die Nahrungsmittelindustrie für die Pläne der Nationalsozialisten und die Vorbereitung der Kriegswirtschaft eine wichtige Rolle. Die Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft ist sich ihrer Lage bewusst, schwenkt auf den neuen politischen Kurs ein und nutzt - trotz verschiedentlicher Reibungen mit den Institutionen des Regimes - die Möglichkeiten, die sich ihr im Nationalsozialismus bieten. 


Detaillierte Informationen hierzu finden Sie in der Studie "Die Süddeutsche Zucker-AG im Nationalsozialismus - Zuckererzeugung, Nazifizierung, Zwangsarbeit, Kontinuität" von Manfred Grieger, erschienen 2025 im Wallstein-Verlag.


Ab 1933: Die Süddeutsche Zucker-AG während der nationalsozialistischen Herrschaft

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten steigt auch bei der Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft die Zahl der Mitarbeiter, Vorstände und Aufsichtsräte mit NSDAP-Parteibuch. Die Annäherung der Unternehmensleitung an das Regime geschieht bis auf wenige Ausnahmefälle weniger aus ideologischen Gründen als zur Wahrung von Unternehmensinteressen. Die Umstellung der Produktion in den Zuckerfabriken auf einen Vierschicht-Betrieb in der Kampagne 1933/34 erfordert beispielweise einen höheren Arbeitskräftebedarf und unterstützt so das NS-Vorhaben zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit. Die bereits bestehende betriebliche Sozialpolitik wird im Sinne der Nationalsozialisten ebenfalls erweitert und verschiedene NS-Aktivitäten und Initiativen werden finanziell unterstützt.

Zuckerrübenernte, Freimersheim

Albert Flegenheimer, 1934

Verdrängung der Juden aus den Gremien des Unternehmens

Die Süddeutsche Zucker-Aktiengesellschaft gilt den Nationalsozialisten insbesondere wegen mehrerer Vorstände und Aufsichtsräte jüdischen Glaubens - unter anderen Mitglieder der Familie Flegenheimer - als Unternehmen unter "jüdischem Einfluss". Mit zunehmender Nazifizierung und sich verbreitendem Antisemitismus geraten jüdische Anteilseigner und Gremienmitglieder daher immer stärker unter Druck. Auch hier weniger aus ideologischen Motiven: Ihr Verbleib in den Gremien beginnt vielmehr, die wirtschaftliche Entfaltung des Unternehmens unter der NS-Herrschaft zu behindern. Zudem schwelen im Vorstand schon länger Unstimmigkeiten wegen unliebsamer Mitglieder, die in den vorhergehenden Jahren von außen in Leitungsfunktionen gekommen waren. Die nationalsozialistische Rassenpolitik ermöglicht es, diese aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln aus ihren Positionen heraus zu drängen und die Macht der "echten" Südzucker-Vorstände wiederherzustellen. Bis 1937 kann sich Albert Flegenheimer, vormals Vorstand, noch als Aufsichtsrat halten. Danach wird er genötigt, seine Aktien zu verkaufen und seinen Posten aufzugeben. Er emigriert zunächst nach Italien und von dort in die USA.


Ab 1939: Kriegswirtschaft und Einsatz von Zwangsarbeitern

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gehen Rübenverarbeitung und Zuckerproduktion weiter und steigen sogar an. Dabei ist es schon in der Vorkriegszeit nicht einfach, genug Arbeiter für die harte körperliche Arbeit zu rekrutieren. Und von den über die Dienstverpflichtung zugewiesenen Deutschen melden sich nicht wenige krank oder verlassen spontan ihren Arbeitsplatz. Das Unternehmen setzt daher bereits ab der Kampagne 1939/40 ausländische Ersatzarbeitskräfte ein. Im Kriegsverlauf sind es Kriegsgefangene, "Zivilarbeiter" aus Polen oder der Sowjetunion, aber auch deutsche Juden und mindestens ein deutscher Sinto, die an allen Standorten der Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft zur Zwangsarbeit herangezogen werden. An manchen Standorten machen sie in der Kampagne mehr als zwei Drittel der Belegschaft aus. Eine genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, es ist aber davon auszugehen, dass in den Kriegsjahren insgesamt mehr als 10.000 Männer, Frauen und in den Landwirtschaftsbetrieben auch Kinder Zwangsarbeit leisten müssen. Durch sie können der Kampagnebetrieb und die Zuckerproduktion während des Krieges aufrechterhalten werden. Das Unternehmen partizipiert demnach erheblich am nationalsozialistischen Zwangsarbeitersystem.

Zwangsarbeiter (unbestätigt), Zuckerfabrik Offstein

Zuckerlager, Offstein

Expansionismus

Der anfängliche Kriegserfolg der Nationalsozialisten und die Besetzung großer Gebiete im Osten sowie im Westen Europas lässt bei der Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft ebenfalls Expansionspläne reifen. Im Elsass soll aus Prestigegründen die Zuckerfabrik Erstein übernommen werden - das Vorhaben scheitert allerdings an den belgischen Aktionären, die dem Verkauf nicht zustimmen und am NSDAP-Gauleiter, der andere Pläne für die elsässische Zuckerwirtschaft hat. In der Ukraine wiederum verwalten vom Unternehmen entsendete Mitarbeiter treuhänderisch vier Zuckerfabriken - darauf spekulierend, dass die Werke nach dem Krieg ins Eigentum der Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft übergehen. Der Vormarsch der Roten Armee durchkreuzt auch diese Pläne.


Bombenkrieg und Neuanfang nach 1945

Ab 1943 erschweren alliierte Bomberangriffe die Produktion in der Kampagne. Trotz teils erheblicher Schäden produzieren die Zuckerfabriken in Süddeutschland aber so gut es geht bis Kriegsende weiter. Die Fabrik in Frankenthal wird dagegen komplett zerstört, ebenso die Verwaltung in Mannheim. Nach Kriegsende beginnen sogleich die Reparaturen und die süddeutschen Fabriken nehmen den Kampagne-Rhythmus bestmöglich wieder auf. Zwar hat das Unternehmen nun keinen Einfluss mehr auf seine ostdeutschen und schlesischen Werke, der Übergang in die Nachkriegszeit gelingt der Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft aber insgesamt ohne größere Brüche.

Zerstörte Zuckerfabrik in Frankenthal

Aufarbeitung und Entschädigung

Die Südzucker AG trat im Jahr 2000 der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" (EVZ) bei, die im selben Jahr gegründet worden war. An dem von der Stiftung verwalteten Fonds in Höhe von zehn Milliarden D-Mark beteiligten sich deutsche Unternehmen - darunter auch Südzucker - mit insgesamt rund fünf Milliarden D-Mark. "Der Südzucker-Konzern stellt sich seiner historischen Verantwortung", heißt es dazu im Geschäftsbericht 1999/2000. Das Geld wurde zur Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie weiterer Opfer der NS-Diktatur sowie zur Einrichtung des Fonds "Erinnerung und Zukunft“ genutzt. 

Zum 75. Firmenjubiläum im Jahr 2001 veröffentlichte das Unternehmen erstmals eine historische Betrachtung der eigenen NS-Zeit, wobei das Buch von Prof. Manfred Pohl, “Die Geschichte der Südzucker AG”, noch mehr die oberste Führungsebene und deren Entwicklung betrachtete. Durch die intensive interne Beschäftigung mit Themen wie Wahrung der Menschenrechte und Übernahme sozialer Verantwortung rückte das Thema in den vergangenen Jahren erneut stärker in den Fokus. Aus diesem Grund stieß Südzucker die Studie an, die seit Juli 2025 als Buch von Prof. Manfred Grieger vorliegt. Sie blickt detailliert auf die Themen, die in den Aufarbeitungen der Unternehmensgeschichte zwischen 1933 und 1945 zuvor nicht ausreichend beleuchtet wurden. 

Im Rahmen der Veröffentlichung der Studie hat Südzucker 2024 auch das Programm "Informiert, couragiert, engagiert! Eine gemeinsame Initiative gegen Antisemitismus" der Stiftung EVZ umgesetzt. Das Programm vermittelt Mitarbeitenden Wege, Antisemitismus zu erkennen und darauf zu reagieren. Die Teilnehmenden tragen zudem ihr Wissen als Multiplikatoren in das Unternehmen. Südzucker plant, in diese Richtung auch künftig weiterzudenken und zu handeln.

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